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Dr. Annett Schreiber
Rückblick - 25 Jahre Beratungsstelle in Dresden
12. September 1997
Sehr geehrter Herr Bischof,sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen! Auch ich möchte Sie noch einmal herzlich im Namen des Teams der Beratungsstelle bei uns begrüßen. Wir feiern gemeinsam mit Ihnen das 25-jährige Bestehen der Ehe-, Familien- und Lebensberatung als Institution des Bistums Dresden-Meißen. Katholische Beratungsarbeit hat jedoch viel ältere und tiefere Wurzeln. Das Programm Jesu: Ich bin gekommen, damit sie (die Menschen) das Leben haben und es in Fülle haben (Joh. 10,10), heißt Befreiung. Es kündigt an, dass, wo Mensch und Welt in Gemeinschaft mit Gott kommen, diese heil werden. Die zahlreichen Gleichnisse des Neuen Testaments machen aber deutlich, dass Heil nur als Geschenk, als Gnade entgegengenommen, nicht aber verdient werden kann. Seit ihrem Beginn gehört es zum Selbstverständnis der christlichen Gemeinden, Rat und Hilfe anzubieten. "Einer trage des anderen Last, auf diese Weise erfüllt ihr das Gesetz Christi", schreibt Paulus im Brief an die Galater. Ehe-, Familien- und Lebensberatung ist somit eine Kernaufgabe christlicher Nächstenliebe. Eine schöne Stelle der Heiligen Schrift über die Ehe finden wir im Epheserbrief: "Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner noch hat seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn wie auch Christus die Kirche." Hier wird die Beziehung Christi zu seiner Kirche mit der Liebe unter Ehegatten verglichen. Wie das totale Engagement Jesu die Kirche erlöst und heiligt, so erlöst auch die Liebe der christlichen Ehepartnern. Daher wird die Ehe auch ein 'großes Geheimnis', ein Sakrament genannt. Viele große Kirchenlehrer waren auch große Seelsorger wie Augustinus, Ignatius von Loyola, Bonhoeffer und Papst Johannes XXIIl., um nur einige zu nennen. Heute ist die Kultur des Miteinanderumgehens offensichtlich eine der gefährdetsten dieser Zeit. Eine Besonderheit unserer Stadt Dresden ist es, dass hier im Jahre 1911 die erste Eheberatungsstelle in Deutschland entstand, der später Dortmund folgte. Sie wurde von einem Arzt namens Dr. Braune auf Veranlassung des Monistenbundes von 1911-1915 unterhalten. Etwas später, 1923, richtete der frühere Professor für Hygiene, Kühn, eine Eheberatungsstelle am Sternplatz 7 in Verbindung mit der Ortskrankenkasse ein. Dieses Gebäude ist noch heute Sitz der AOK. Eine rege Inanspruchnahme erfuhr die Stelle aber erst ab 1926, als Professor Rainer Fetscher, der namhafte Dresdener Arzt und Hygieniker, die Leitung übernahm. Zwischen 1926 und 1932 wurden durch ihn 5231 Personen beraten, davon 4688 in Dresden und der Rest in der näheren Umgebung, wo unter seiner Anleitung weitere Beratungsstellen entstanden, z.B. in Riesa, Meißen, Radeberg und Bautzen. Auch durch den Stadtbund der Frauenvereine wurden 1928/29 Beratungsstellen gegründet. Fetscher sah in der Ehe- und Sexualberatung einen Beitrag zur psychischen Hygiene und war von der positiven Seite der Erbbiologie überzeugt, die jedoch zunehmend als Vollzugsinstrument qualitativer Bevölkerungspolitik missbraucht wurde. Nachdem er sich mehrfach öffentlich gegen Anschauungen von der Überlegenheit der nordischen Rasse wandte, musste er 1936 sein Lehramt an der Technischen Hochschule verlassen. Am 8. Mai 1945 wurde er von der SS erschossen. Über Richtlinien für die Eheberatung entstanden Mitte der 20iger Jahre verstärkt Diskussionen im Sächsischen Innenministerium, sowie im Arbeits- und Wohlfahrtsministerium. Dabei wurden bereits damals folgende Punkte angeregt:
Der Name "Katholische Eheberatung" erschien nach den uns verfügbaren Quellen in Dresden erstmals in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg. So war Frau Dora Rotsch seit 1947 in der Elisabetharbeit in Dresden tätig und spätere Diözesanbeauftragte. Dabei kam sie auch mit Eheproblemen der Frauen in Berührung und bot, wenngleich noch nicht systematisch, Beratung an. Sie bemühte sich bis Anfang der 60iger Jahre um weitere geeignete Personen, z.B. Frl. von Schönburg, die ebenfalls in der Frauenseelsorge und Sozialarbeit engagiert war. Als weitere Vorläufer einer professionellen katholischen Eheberatung möchte ich stellvertretend für andere Frau Stache in ihrer Tätigkeit als Caritas-Referentin sowie Frau Milde nennen. Am l. Juni 1966 wurde die Arbeit einer "Katholischen Eheberatung" in Abstimmung mit dem damaligen Caritasdirektor Weisbender neu begonnen, indem einmal wöchentlich eine dreistündige Sprechzeit von Frau Milde in der Schweriner Straße stattfand. Diese Stelle, die bis1968 bestand, verstand sich zunächst als Vermittlung Ratsuchender an geeignete kirchliche oder medizinische Einrichtungen. Wir freuen uns, dass Frau Stache heute unter uns ist. Im Jahre 1969 begann Herr Erwin Heretsch aus Schirgiswalde als erster der zur Dresdener Beratungsstelle gehörenden Mitarbeiter mit dem in der damaligen DDR stattfindenden ersten Ausbildungskurs für Eheberater in Berlin. Die Ausbildung, die er 1976 mit dem Zertifikat abschloss, beruhte bereits damals auf den Richtlinien der Zentralstelle für Pastoral der Deutschen Bischofskonferenz bzw. später der Katholischen Bundesarbeitsgemeinschaft für Beratung. Herr Heretsch, der außerdem als Religionslehrer, Männerseelsorger und in der Elternbildung tätig war, hat die Beratung durch zahlreiche Vorträge und Seminare bis nach Mecklenburg weit über die Grenzen unseres Bistums populär gemacht. An seiner Energie und Arbeitsfreude hat sich trotz seines bevorstehenden 70. Geburtstages im nächsten Jahr nichtsgeändert. Dank seines Einsatzes gibt es in Schirgiswalde eine intensiv besuchte Außenstelle der Ehe-, Familien- und Lebensberatung. Mit dem Jahr 1972 nähern wir uns dem Anlass der heutigen Jubiläumsfeier: Nach einer Notiz der Dienstkonferenz des Pastoralen Amtes vom 26.04.1972 (nach Archiv des Bischöflichen Ordinariates Dresden) wurde die Stelle von Herrn Norbert Peikert, der seit 1965 als Fürsorger für die Diözesancaritas tätig war, aus der Caritas ausgegliedert und als eigener Bereich an das Pastorale Amt angegliedert. Der vorgeschlagene Arbeitstitel lautete: "Diözesane Beratungsstelle für Ehe und Familie." Am 18.12.1972 wurde der Haushalt dieser Stelle bestätigt. Das Jahr 1972 war somit der Startpunkt unserer Beratungsstelle, der damals einzigen offiziellen Eheberatungsstelle mit einem vertraglich Angestellten im Bistum. Damals befand sie sich in der Conertstraße 8 in Dresden-Neustadt und war räumlich und organisatorisch eng an die Bischöfliche Verwaltungsstelle angeschlossen. Neben der hauptamtlichen Beratung war Herr Peikert mit noch weiteren Aufgaben in der Erwachsenenseelsorge beauftragt. Aufgrund seines Engagements wurde die Stelle von immer mehr Ratsuchenden in Anspruch genommen und schnell in der Stadt bekannt. Ein weiterer Verdienst von ihm war es, durch zahlreiche Vorträge und Kurse in katholischen, evangelischen und methodistischen Gemeinden den ökumenischen Gedanken in die Beratung eingebracht zu haben. Ende 1976 begann ein weiterer Ausbildungskurs zum Ehe-, Familien- und Lebensberater, an dem aus Dresden Herr Dr. Schulz, Herr Pater Meixner, Herr Götz, Herr Peikert, Herr Pater Jensch und aus Schirgiswalde Frau Schlenkrich teilnahmen. Anfang der 8Oiger Jahre kam Herr Dr. Schulz zur Beratungsarbeit hinzu, dessen Erfahrungen aus seiner allgemeinärztlichen Praxis zusätzlich von Gewinn waren. Pater Meixner und später auch Pater Jensch begannen ebenfalls im Rahmen ihres Dienstes beraterisch zu arbeiten. Frau Schlenkrich und Herr Heretsch, die nun beide in Schirgiswalde tätig waren, wurden 1984 als Außenstelle der Beratungsstelle Dresden angegliedert, um ein höheres Maß an Gemeinsamkeit, gegenseitiger Unterstützung, aber auch Rechtsschutz zu ermöglichen. Die Inkraftsetzung der Richtlinien der katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung des Bistums am 30.10.1983 und die Beauftragung der Eheberater durch Bischof Gerhard Schaffran im September 1984 waren wichtige Meilensteine im Prozess der Anerkennung der Ehe-, Familien- und Lebensberatung als eines relativ neuen pastoralen Arbeitsgebietes. Im Jahresbericht des Leitungsgremiums der katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung für 1984 heißt es: "Bisher wurden und werden weiterhin auch Aufgaben von seelsorgerlicher Beratung von Gemeindepfarrern und Caritas-Fürsorgern wahrgenommen. Eheberatung will sich nicht als Konkurrenz-Unternehmen eindrängen, sondern qualifiziertes zusätzliches Angebot sein, das bemüht ist, seinen Platz in Pastoral und Caritas zu suchen und sich einordnen zu lassen." Mit dem Umzug 1985-1988/89 der Dresdener Beratungsstelle in die Borsbergstr. 13 - wo wir uns heute befinden - genehmigte der Bischof die Anstellung einer Sekretärin. Frau Rabe ist seitdem die unersetzliche Seele des Büros. Damit verbesserten sich Umfang und Stabilität der beraterischen Bedingungen. Wir sind dankbar, dass sie uns als dienstälteste Mitarbeiterin in Dresden noch heute mit ihrer Erfahrung zur Verfügung steht. Der 1985-1988/89 stattfindende gemeinsame Ausbildungskurs der Diözesen der DDR konnte für Dresden mit sieben geeigneten Gemeindemitgliedern besetzt werden, und zwar mit Frau Overmann, Frau Hübscher, Frau Horwath, Herrn Groß, Herrn Wiesmann sowie dem Ehepaar Jensch. An dieser Stelle soll das Engagement der westdeutschen Mentoren gewürdigt werden, die Teile der Ausbildung übernahmen. Stellvertretend für viele seien hier Herr Klann von der BAG sowie Herr Ziegler und Herr Hoogland genannt. Die zukünftigen Dresdener Kollegen machten ihr Praktikum in der Beratungsstelle, was bei den damals bescheidenen Räumlichkeiten und dem Fehlen eines eigenen Telefons nicht immer einfach zu organisieren war. Der weitaus größte Teil der Klienten kam über persönliche Hinweise von Menschen, denen in der Beratung meist durch einen konkreten Berater geholfen wurde. 1988/89 schlossen alle Kollegen die Ausbildung erfolgreich mit dem Diplom ab und arbeiteten nun in der Beratungsstelle mit. (Herr Groß ging 1989 beruflich nach Oederan und wechselte damit zur Chemnitzer Beratungsstelle. Von 1988-93 hatte Pastorin Frau Tögel die Supervision für die Dresdener Berater übernommen. Für ihre langjährige gute fachliche Begleitung möchten wir ihr heute auch danken. Der durch die Wende eingetretene gesellschaftliche Umbruch brachte auch für die Berater vielfältige persönliche Veränderungen, vor allem ein gestiegenes Arbeitspensum in der haupt-amtlichen Tätigkeit. Das veranlasste eine Reihe der Mitarbeiter, so Frau Dr. Jähnchen, Herrn Dr. Schulz, Frau Hübscher, Frau Overmann, Frau Schlenkrich und Herrn Jensch, ihre Beratungsarbeit zu Beginn der 90iger Jahre zu beenden. Für die Stelle bedeutete das einen erheblichen Verlust. Ihnen allen sei noch einmal für ihr Engagement gedankt. Am 5.3. 1991 zog die Beratungsstelle in die Bautzner Str. 49, wo die sehr schönen und großzügigen Räumlichkeiten uns noch heute zur Verfügung stehen. Nach Ausscheiden von Herrn Peikert im Sommer 1991 war die Stelle 1,5 Jahre hauptamtlich nur noch mit der Sekretärin und den Honorarmitarbeitern besetzt. Seit 1.1.1993 bin ich, Frau Schreiber, Leiterin der Beratungsstelle und möchte mich für das entgegengebrachte Vertrauen meiner Kollegen und Vorgesetzten bedanken. Ein Blick in die Statistik des Zeitraumes 1993-96 zeigt, dass unser Beratungsangebot, zu dem ja in der letzten Zeit in Dresden viele dazugekommen sind, sehr gut in Anspruch genommen wird. Während 1993 insgesamt 112 Ratsuchende zu uns kamen, waren es 1995 212 und 1996 202 Personen. Im vergangenen Jahr wurden 665 Einzel- und 362 Paarberatungen gehalten. Die Gesamtsumme von 1027 Beratungen ist ähnlich der Gesamtzahl der Beratungen von 1989 und1990 - dort waren es 1051 bzw. 1041. Nach der Jahresstatistik 1996 waren ca. die Hälfte der Klienten Nichtgläubige. Zum Team der Beratungsstelle gehören seit 1993 Herr Wiesmann, Frau Jensch, Frau Horwath Frau Rabe, Frau Schreiber und Herr Heretsch in Schirgiswalde. Die Beratungsstelle wird nicht nur allein durch ihren Träger, das Bistum Dresden-Meißen, sondern auch von Stadt und Land finanziell gefördert. Mit der Anstellung von Herrn Wiesmann ab 1.9.1994 mit einer halben Stelle erfolgte ein wichtiger Schritt zur weiteren Professionalisierung der Arbeit im Sinne eines multidisziplinären Teams. Eines der wichtigsten Anliegen in den letzten Jahren war die Öffentlichkeitsarbeit, mit der es uns gelang unser Beratungsangebot nach außen transparent zu machen und Vorurteile, z.B. von Nichtchristen, abzubauen. Zahlreiche Kontakte zu Gemeinden, KOJA, Telefonseelsorge, Caritas zur evangelischen und staatlichen Ehe- und Lebensberatung, zu den Jugendämtern, Ärzten, Kliniken usw. wurden wiederbelebt oder neu geknüpft. Dazu zählen auch Beiträge in der Presse und im Rundfunk. Berater unserer Einrichtung hielten u.a. Gesprächsabende in Gemeinden oder Fortbildungen für Caritas und Diakonie zu Ehe- und Familienproblemen, zu Kommunikationsstörungen, Suchtkrankheiten usw. Als Angebot zur Prävention finden zweimal jährlich Ehevorbereitungsseminare für junge Paare in Dresden und Schmiedeberg statt. Vor einigen Wochen hat Herr Wiesmann sein Diplom als Dipl.-Sozialarbeiter an der Evangelischen Fachhochschule in Dresden erhalten und wird in Kürze auch die Supervisorenausbildung in Osnabrück abschließen. In der letzten Zeit ist der Bedarf an Paarberatungen deutlich gestiegen, zumal es in diesem Bereich noch relativ wenig Hilfsangebote in der Stadt gibt. Hinter den verschiedenen Beziehungsstörungen werden immer wieder Kommunikationsprobleme, die Unfähigkeit, miteinander zu reden, sichtbar, was uns die Bedeutung des Satzes "Die Ehe ist vor allem ein langes Gespräch" wiederholt vor Augen führte. Aus diesen Gründen organisierten wir eine kollegiale Supervisionsgruppe speziell für systemische Ansätze in der Paar- und Familienberatung gemeinsam mit Dresdner Kollegen anderer Einrichtungen. Weitere Aktivitäten sind die Mitarbeit von Herrn Wiesmann am "Runden Tisch der Dresdener Neustadt" und von Frau Dr. Schreiber im Beirat der Beratungsstelle für Frauen in Sachsen. Auch ein Seminar zur Gesprächsführung für Eltern, deren Kinder in eine Sekte geraten sind, wurde gemeinsam mit dem Sektenbeauftragten Kaplan Kluge durchgeführt. Seit Mai 1995 absolviert Frau Tammer die Eheberaterausbildung und ist uns mit ihrer von Anfang an eigenständigen Beratungsarbeit innerhalb ihres Praktikums eine wertvolle Hilfe. Neu zu den Eheberatern kam Herr Dr. Wagner, Internist in Sohland. Gedankt sei an dieser Stelle auch unserem Supervisor, Herrn Dr. Kirschner in Radeberg sowie Herrn Pfarrer Ziegert und Herrn Pfarrer Dittrich, die in ihrer früheren Tätigkeit als Seelsorgeamtsleiter den Aufbau der Beratungsstelle entscheidend voranbrachten, dem Leiter der Abteilung Pastoral, Herrn OR Vierhock und Frau Betzl als Sekretärin. Bezugnehmend auf die heutige Lesung wollen wir auch das Vertrauen unserer Klienten würdigen. Auch jeder Berater hat seine blinden Flecken. Wir wissen, wie verhängnisvoll es sein kann, wenn ich zwar den Splitter im Auge meines Nächsten erblicke, den Balken im eigenen Auge aber nicht sehe. Nicht so selten sind die Ratsuchenden unsere Lehrer und wir ihre Schüler. Wir bedürfen darum bei der Aufhellung unserer blinden Flecken der brüderlichen Zurechtweisung und des Feedback, wenn wir unseren Aufgaben gerecht werden und zum Frieden in Beziehungen beitragen wollen. In diesem Sinne wünsche ich allen ein gutes, offenes Miteinander. |
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